Bernd und Michael 2031

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Mittwoch, 3. August 2011

Traurige Wahrheit Nummer 17

Mit Esoterik aller Art habe ich Zeit meines Lebens Probleme.
Es ist mir schleierhaft warum viele Mitmenschen mit aller Gewalt ins geistige Mittelalter zurück wollen. Sei es Homöopathie, der Glaube an Hexen, Heilsteine, Wünschelruten oder ähnlicher Schwachsinn. Warum fällt es vielen Menschen so schwer den aktuellen Stand der Wissenschaft zu akzeptieren, mit all seinen unbestrittenen Unzulänglichkeiten?

Deshalb freut es mich sehr, hier ein Fundstück vom ESOWATCH-Blog zu veröffentlichen der mir aus dem Herzen spricht.

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Die neue “Heilkunst” bei GEO
3. August 2011
Als die GEO-Redaktion in den Urlaub gefahren ist, hat sie offenbar die Tür nicht abgeschlossen – denn anders kann man sich diesen plötzlichen Ausverkauf der journalistischen Ethik nicht erklären, mit dem sich das Magazin durch die Titelgeschichte “Die neue Heilkunst” lächerlich gemacht hat. Dasselbe Blatt, das in seiner Rubrik “Geoskop” dem Laien über ein neues Radioteleskop in China oder Antisemitismus in deutschen Städten berichtet, lässt eine denkbar ungeeignete Autorin einen Hurra-Artikel schreiben, durch den die Laien hinters Licht geführt werden. Also da sitzt man beim Frühstück, macht GEO auf und denkt: Nein, so kann man doch gar nicht in die Scheiße greifen! Der erste Absatz:
“Es sind nicht die Patienten, die zu entscheiden haben! Mit zornesrotem Kopf steht Michael Baum, Krebsforscher, am Rednerpult und verteidigt die traditionelle Sicht seiner Zunft. Gerade hat sich im Publikum eine junge Anwältin gemeldet und ein flammendes Plädoyer gehalten – gegen die Ignoranz der Onkologen! Während ihrer Brustkrebsbehandlung sei man nie auf ihre Beschwerden eingegangen. Erst als sie sich einen naturheilkundlichen Therapeuten suchte, sei es ihr viel besser gegangen. “
Alles Anekdoten, unwissenschaftliche Einzelbeobachtungen” faucht der Experte…” Da haben wir sie schon, die Marionetten der esoterischen Puppenkiste: Den “mit zornesrotem Kopf” fauchenden Experten der “Zunft” und die junge engagierte Frau, die aufsteht und ein “flammendes Plädoyer” gegen die “Ignoranz” hält. Und dann auch noch Krebs! -  Diese Krankheit, bei der Esoterik mörderisch ist, soll uns nicht das einzige Mal begegnet sein – ich stelle gleich die Stellen her, weil nichts diesen Artikel so diskreditieren kann, wie diese unverantwortlichen Spielchen mit dem Tod. Ein Herr Dobos, nicht zufällig Stiftungsprofessor für Pseudo-Medizin in Essen , erlaubt sich diese Aussage:
“70% aller Krebspatienten verwenden von sich aus alternative Heilmethoden, aber die wenigsten sprechen mit ihren Ärzten darüber, weil die so ablehnend sind, wie Mr. Baum. Dabei kann Naturheilkunde nicht nur sehr hilfreich, sondern, falsch eingesetzt, schädlich sein”
Die Wahrheit ist: Naturheilkunde ist hier nicht nur wirkungslos, sondern kann, wenn eingesetzt, tödlich sein. Aber wie liest sich, was GEO schreibt? – Naturheilkunde ist sehr hilfreich, und nur, wenn falsch eingesetzt, vielleicht, unter Umständen, ab und zu auch ein bisschen gefährlich. Denselben Herrn lässt unsere Autorin sagen:
“In eine Studie zur Wirkung von Mistelextrakten gegen Brustkrebs konnten von rund 2000 betroffenen Frauen nur 29 aufgenommen werden, anderthalb Prozent, das sagt nichts über die Mehrheit aus.”
Unter Missachtung der Tatsache, dass Misteltherapie lebensgefährlicher Bullshit ist, wird impliziert, da sei doch was dran, das werde man noch sehen, die Studien seien schuld. Bemerkenswert ist im nächsten Absatz der subtile Themenwechsel. Herr Dobos berichtet nämlich (natürlich nach der obligatorischen Geschichte, wie er zum Zweifler geworden sei), dass in seiner Klinik Menschen mit chronischer Migräne behandelt würden – also 1. die Wissenschaft schlecht machen 2. präventiv den Schwanz einziehen 3. meine ganz persönliche Placebo-Story erzählen. Was danach von den Experten, den “Grenzgängern”, wie sie anerkennend genannt werden, zu halten ist, weiß man schon vorher. Es sind zum Beispiel: erst Herr Dobos, dann George Lewith, ein rotes Tuch für die Skeptiker in England. Beruflich macht er ungefähr dasselbe wie Dobos, nämlich sozusagen eine esoterische Terrorzelle an einer Uni unterhalten, ein “Vertreter der integrativen Medizin”, der seine eigenen Patienten verklagt, wenn sie ihn nicht für wirkungsloses Vodoo bezahlen wollen, seinen Patienten mit Studien als Beweis aufwartet, die genau das Gegenteil von dem sagen, was er suggeriert und seinen Patienten Therapien andreht, die er vorher in seiner offiziellen Funktion als “Vertreter der integrativen Medizin” für wirkungslos erklärt hat.  Darauf folgt der wohl etwas missbrauchte Jörg-Dietrich Hoppe, Ex-Präsident der Bundesärztekammer, mit seinem anekdotischen Statement, dass nur “40% der Medizin” evidenzbasiert seien. Da das Original der Aussage nicht auffindbar war, bestehen daran Zweifel -  sowohl an der Aussage, wie an ihrer Wahrheit. Wie auch immer – diese Anekdote steht nur als vernebelndes Tu-Quoque da, ohne die 0% der Pseudo-Medizin zu erwähnen. Beifall hat Hoppe selbstverständlich bei den Homös gefunden. Auch unsere Freundin Claudia Witt darf sich einmischen, die sich dafür engagiert, die Spielregeln zu ändern, nachdem sie das Spiel verloren hat. Das amerikanische National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) mit seiner Leiterin Josephine Briggs, die als “strikte Verfechterin der Intergrativen Medizin” vorgeführt wird, ist ein weiterer Flicken auf dem Schleier der Respektabilität, den der Artikel um sich legt. Dieses Institut, aus einer Lobby-Organisation in eine staatliche Einrichtung überführt, sieht sich dem Vorwürfen ausgesetzt: 1. Unsinnige Studien zu finanzieren und 2. den Esoterikern immer neue Gelegenheit zur Forderung nach “further research” zu geben .  Aus der eigentlichen Argumentation, die eine nähere Behandlung wert wäre, seien nur ein paar Schlagworte genannt:”… die Erfahrungsmedizin, mit ganzheitlichen Ansätzen, die nicht nur auf Symptome abzielen …” “…Zeit, Hindernisse wegzuräumen. Nur gibt es da ein sehr großes: Evidenz …” – kein Hindernis für unsere Autorin; sie widmet sich die nächsten zwei Absätze lang einer Infragestellung der Double-Blind-Studies – mit dem Ergebnis:
“Kritisch betrachtet, schrumpft also die Evidenz der Schulmedizin auf einen relativ kleinen Ausschnitt der Behandlungen … Die Verfechter einer Integrativen Medizin plädieren deshalb für neue Standards.”
Und, wie hätte es fehlen können: “Es sind Schritte auf dem Weg zu einem Paradigmenwechsel.” Quod erat demonstrandum.  Wer sich fragt: Wer schreibt das?, wer sich denkt: Was für ein schlüpfriger, doppelbödiger Artikel!, dem gibt die Autorin, Petra Thorbrietz, selbst festen Boden unter die Füße. Denn was man hier die ganze Zeit zwischen den Zeilen ertragen muss, stellt sie selber in einer Online-Kolumne klar:
“Achtung – dies ist ein Outing: Ja, ich vertraue der Homöopathie.”
(im Ernst). Ihre Beweise sind wasserdicht:
“Wenn der Homöopath das richtige Mittel findet, dann kann es sein, wie bei mir geschehen, dass eine chronische Blasenentzündung nach fünf kleinen Milchzuckerbällchen mit „Nichts“ drin für immer verschwand – nachdem viele Antibiotika versagt hatten, genauso wie diverse Naturheilbehandlungen, denen ich mich besten „Glaubens“ unterzog. Das ist schon eine verblüffende Erfahrung, schlagartig zu spüren, dass sich irgendetwas im Körper verändert hat.”
Wo der Schuldige sitzt, weiß sie ganz genau:
“Es heißt, der Glaube könne Berge versetzen. Globuli schaffen Ähnliches. Die Wissenschaft will das nicht wahrhaben, weil sie es nicht beweisen kann.”
Ein kurzer Blick ins Internet könnte jedem, auch der GEO-Redaktion, zeigen, dass diese Frau einen Artikel zu “alternativen” Therapien schreiben zu lassen bedeutet, den Bock zum Gärtner zu machen. Aber weder hat der GEO sich die Mühe gemacht, seine Autorin zu checken, noch die Pflicht erfüllt, den Wahrheitsgehalt und die Intention des Artikels zu prüfen, nein, er hat sogar zugelassen, dass Frau Thorbrietz am Ende schreibt:
“Dieses Plädoyer gegen die Grabenkriege in der Medizin haben Gustav Dobos und der Gynäkologe Sherko Kümmel in ihrem Buch “Gemeinsam gegen den Krebs vorangestellt.”
Und was lesen wir in der Autoreninformation, 20 Zeilen darunter? -
“Das im Februar 2011 erschienene Buch “Gemeinsam gegen den Krebs”  von Dobos und Kümmel, erschienen im Zabert Sandmann Verlag, hat sie redaktionell betreut.”
Wars das schon? Nein – auf der Seite gegenüber steht eine Anzeige der Deutschen Krebsgesellschaft: “Nimm Dir die Zeit, geh zur Krebsvorsorge!” Traurig, GEO, dass du die Beine breit gemacht hast für Nonsense und Kommerz.

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Amen!